Somatoforme Störungen

Das wesentliche Merkmal der sog. somatoformen Störungen ist das Vorhandensein körperlicher Beschwerden, für die keine körperlich-organische Ursache gefunden werden kann. Betroffene berichten bspw. von anhaltenden Schmerzen, von Magen-Darm-Beschwerden, Druckgefühlen auf der Brust, vermehrtem Schwitzen oder auch von diffuseren Symptomen wie Müdigkeit oder Erschöpfung. Insgesamt können die Beschwerden sehr vielgestaltig sein; zunächst lassen sie jedoch stets eine körperliche Ursache vermuten. Wird dann trotz umfangreicher Diagnosemaßnahmen kein solcher Grund für die Symptome gefunden, sollte stattdessen eine psychische Genese der Beschwerden in Erwägung gezogen werden.

Für Betroffene stellt das Fehlen einer körperlichen Ursache der Beschwerden häufig eine große Irritation dar. Sie fühlen sich möglicherweise von ihrem Arzt nicht ernst genommen und haben große Sorgen, dass es doch einen körperlichen Grund für die Symptome gibt, der lediglich noch nicht gefunden wurde. Häufige Arztwechsel können die Folge sein, in der Hoffnung, einen Behandler zu finden, der sich wirklich kümmert und die Schilderungen der Betroffenen ernst nimmt.

Somatoforme Störungen zählen zu den psychischen Störungen mit der größten Häufigkeit: Etwa 6 bis 11 Prozent der Bevölkerung sind hiervon betroffen, Frauen häufiger als Männer.

Laut Internationaler Klassifikation der psychischen Erkrankungen (ICD-10) werden die folgenden Formen somatoformer Störungen unterschieden:

Anhaltende somatoforme Schmerzstörung: Hier stehen Schmerzen (oftmals) starker Intensität im Vordergrund. Eine körperliche Ursache, welche die Intensität und Dauer der Beschwerden allein ausreichend erklären könnte, liegt nicht vor.

Somatisierungsstörung: Über einen längeren Zeitraum – wenigstens 2 Jahre – treten immer wieder körperliche Beschwerden auf, wechselnd in der Intensität und häufig verschiedene Organsysteme und Körperteile betreffend. In der Regel haben die Betroffenen bereits eine Vielzahl an körperlichen Untersuchungen hinter sich, ohne das jemals ein richtungsweisender, pathologischer Befund gestellt werden konnte.

Somatoforme autonome Funktionsstörung: Hier stehen Symptome und Beschwerden im Vordergrund, die sich vor allem auf das Herz-Kreislauf-System, den Magen-Darm-Trakt, das respiratorische oder das urogenitale System beziehen. Betroffene berichten von Brustschmerzen, vermehrtem Schwitzen, Hitzewallungen, Druckgefühl im Bauch, vermehrtem Urinieren oder Stuhlgang usw.

Hypochondrische Störung: Betroffene sind unbegründet der Überzeugung, an einer schweren körperlichen Erkrankung zu leiden, bspw. an einer Krebserkrankung, an AIDS etc. Körperliche Empfindungen werden ängstlich in diese vermeintliche Erkrankung hineingedeutet und als Bestätigung aufgefasst. Medizinische Untersuchungen, die belegen, dass die befürchtete Erkrankung nicht besteht, werden nicht oder nur kurzzeitig als beruhigend erlebt, bevor die ängstliche Überzeugung erneut dominiert.

Die Symptome der somatoformen Störungen sind vielfältig und treten in den verschiedensten Organsystemen auf. Häufig zu beobachten sind bspw.:

  • Rückenschmerzen, Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich oder in den Extremitäten
  • Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, Druck- oder Völlegefühl, Kribbeln etc.
  • Brustschmerzen, Druckgefühl auf der Brust, Atemlosigkeit
  • Mundtrockenheit
  • Schweißausbrüche, Hitzewallungen, Erröten 

Die Symptome bestehen entweder anhaltend oder treten phasenweise auf; in allen Fällen gehen sie mit einer ausgeprägten Beeinträchtigung des Wohlbefindens sowie häufig auch der Leistungsfähigkeit der Betroffenen einher. Es besteht mitunter ein massiver Leidensdruck, der auch noch dadurch verstärkt werden kann, dass auf der körperlichen Ebene keine angemessene Erklärung für das Ausmaß und die Intensität der Beschwerden gefunden wird. Dieser Umstand erschwert oftmals den Kontakt zum Behandler: Patienten fühlen sich missverstanden oder nicht ernst genommen, während bei Ärzten mitunter der Eindruck von „schwer behandelbaren“ oder „simulierenden“ Patienten entsteht.

Im weiteren Krankheitsverlauf kann es zu einer zunehmenden Fokussierung auf die Beschwerden und zu einer Einengung der Gedankenwelt und des Verhaltens der Betroffenen kommen. Der Körper wird genau beobachtet, Reaktionen und Empfindungen rasch als bedrohlich bewertet und oft selbst Versuche unternommen, mögliche Ursachen der Beschwerden zu ergründen, etwa durch intensive Recherche im Internet. Sonstige Aktivitäten, soziale Beziehungen usw. treten in vielen Fällen mehr und mehr in den Hintergrund – das Leben der Betroffenen grenzt sich durch Rückzug und körperliche Schonung zunehmend ein.

Für die somatoformen Störungen wird von einem komplexen Entstehungsmodell ausgegangen, in dem verschiedene Faktoren Berücksichtigung finden: die genetische Veranlagung ebenso wie biografische Belastungen, die Persönlichkeit der Betroffenen, (körperliche) Vorerkrankungen oder auch soziokulturelle Aspekte. Verursachende und aufrechterhaltende Faktoren sind dabei gleichermaßen wichtig.

Zu den Risikofaktoren, die für eine somatoforme Störung als Ursachen (mit) infrage kom­men, gehören beispielweise:

  • ein Teufelskreis von körperlichen Reaktionen, Angst und verstärkter Wahrnehmung körperlicher Symptome
  • körperliche Beschwerden als Folge seelischer Konflikte: meist unbewusste seelische Prozesse (z. B. Angst, Wut, Ärger, aber insbesondere auch gefühlte Hilf- oder Ausweglosigkeit) können sich in Körpersymptomen ausdrücken.
  • Patienten mit somatoformen Störungen zeigen in ihren Biographien erhöhte Raten an allgemeinen Belastungsfaktoren wie niedriger sozioökonomischer Status, Scheidung, Verlust, Alkoholkrankheit, psychische Störung der Eltern oder eines Elternteils. Darüber hinaus liegen auch erhöhte Raten an sexueller Traumatisierung bzw. körperlichem Miss­brauch vor.

Diagnose

Die Diagnose einer somatoformen Störung beruht zunächst auf dem Ausschluss einer orga­nischen Verursachung der beklagten Körperbeschwerden. In der Regel haben Betroffene bereits eine Vielzahl organmedizinischer Untersuchungen hinter sich, und das psychiatrische oder psychotherapeutische Gespräch ist „der letzte Versuch“ oder wird mit großer Skepsis begonnen („Ich bin doch nicht verrückt!“). Nach wie vor sind psychische Erkrankungen oftmals schambehaftet und werden als „persönliches Versagen“ gewertet, im Sinne von „Ich habe mich nicht genug angestrengt“ oder „Ich bin zu schwach“. Hier ist es wichtig zu wissen, dass prinzipiell ein jeder Mensch in seinem Leben an einen Punkt kommen kann, an dem er sich überfordert fühlt und zunächst keine Lösung für bestehende Probleme sieht. Dies hat nichts mit Schwäche zu tun! Gerade junge Erwachsene sind mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert, die es zu meistern gilt. Und manchmal stellt eine psychische Erkrankung auch den „Versuch“ dar, mit einer belastenden Lebenssituation umzugehen.

Gerade die Gruppe der somatoformen Störungen wird häufig als Übersetzung einer psychischen Spannung oder Belastung in eine „Körpersprache“ verstanden. Entsprechend beinhaltet eine ausführliche Diagnose die Frage nach aktuellen Herausforderungen im Leben der Betroffenen, genauso wie auch nach zurückliegenden Belastungen und dem Umgang hiermit.

Gegebenenfalls kommen zusätzlich auch psychologische Tests und Fragebogen zum Einsatz: Um eine somatoforme Funktionsstörung, ihren Schweregrad sowie die mit der Störung verbundenen Beeinträchtigungen einschätzen zu können, steht eine Vielzahl stan­dardisierter Fragebogen und Checklisten zur Verfügung.

 

Therapie

Betroffene sollen sich mit ihren Beschwerden und den daraus resultierenden Einschränkungen auf ihre Lebensführung ernst genommen fühlen. Eine zugewandte und vertrauensvolle therapeutische Beziehung ist hierfür essentiell! Genauso wichtig ist gleichzeitig, dass auch psychische Faktoren als Ursache der Symptome vom Patienten akzeptiert werden.

Ziel dieses Ansatzes ist es, dem Patienten einen Weg aus dem aufrechterhaltenden Kreislauf der Symptome aufzuzeigen. Die psychodynamischen Verfahren fokussieren dagegen vor allem auf die Beziehungsebene: Der Umgang der Betroffenen mit sich selbst (Ansprüche, Perfektionismus, „Innerer Kritiker“ usw.) und im sozialen Gefüge (zwischenmenschliche Spannungen und Konflikte, Erwartungen etc.).

Literaturtipps zum Thema Somatoforme Störungen

Studentengesundheit Ratgeber Somatoforme Beschwerden
Ratgeber Somatoforme Beschwerden und Krankheitsängste

Der Ratgeber bietet zahlreiche Empfehlungen für den Umgang mit somatoformen Beschwerden und hypochondrischen Ängsten.

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